AR und ER

Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Mit diesem Spruch aus Jesaja 60,2 geht am kommenden letzten Sonntag nach Epiphanias die Weihnachtszeit zu Ende.

Das Wort fasziniert mich immer wieder. Vor meinen inneren Augen entsteht das Bild eines Sonnenaufgangs. Bisher herrschte die Dunkelheit. Ringsum gab es nichts als Grautöne. Die Welt schien nur aus verschiedenen Abstufungen von Schwarz und Weiß zu bestehen. Doch dann geschieht ein Wunder: Die Sonne lässt alles in leuchtenden Farben aufscheinen. Die Welt ist so viel reicher und schöner als es in der dunklen Zeit zu sein schien.

Für uns ist das ein alltäglicher Vorgang, den wir an jedem Morgen neu beobachten können. Wir wissen, dass hier  optische Gesetze wirken. Und doch geschieht es in stillen Augenblicken immer wieder einmal, dass uns dieses Geschehen auf einer tieferen Ebene berührt und in einer Weise anspricht, die wir nur schwer in Worte fassen können. Dann kommt es uns wie ein Wunder vor.

Jesaja sieht aber noch etwas Größeres: Er spricht nicht von einem Sonnenaufgang, sondern vom Aufgehen Gottes und dem Erscheinen seiner Herrlichkeit. Das sind keine alltäglichen Gedanken mehr.  Und doch liegt ein solcher Schluss nahe. Schon der Liederdichter und Pfarrer Philipp Spitta schrieb 1833 in dem Lied Freuet euch der schönen Erde: Findet sich schon in Gottes Schöpfung so ein wunderbarer Schein, o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein (EG 510,5).

Es mag seltsam erscheinen, aber manche alte Vorstellung kann in unserer Zeit mit ihrer hochmodernen Technik auf eine neue Weise einleuchtend werden. Und zwar deshalb, weil sich heute die scheinbar engen Grenzen der sogenannten Realität verschieben. Wer ein neueres Smartphone besitzt, wird früher oder später einmal auf die AR stoßen. AR steht für augmented reality - die erweiterte Realität. Dabei werden dem Betrachter zusätzlich zu dem, was er über die Kamera in seiner Umgebung sehen kann, weitere Informationen eingeblendet, die ihm dazu noch wichtige Hinweise geben oder den Weg zeigen können.

Gibt es da einen Zusammenhang zwischen AR und dem Glauben? Wie schon gesagt, es mag seltsam erscheinen, aber beim Glauben geht es auch um eine Erweiterung unserer natürlichen Wahrnehmung. Um ein tieferes Sehen und Verstehen von wichtigen Zusammenhängen in unserem Leben. Um die Entdeckung von Sinn und Möglichkeiten, sowie um Freude und Hoffnung, die dem äußeren Blick verborgen bleiben. Der Grund dafür ist allerdings nicht AR, sondern ER. ER steht für Gott. Man könnte aber auch von enlighted reality sprechen - von erleuchteter Realität. Denn wenn ER über uns aufgeht und seine Herrlichkeit über uns erscheint, können wir unsere Lebenswirklichkeit mit den erleuchteten Augen des Herzens (Epheser 1,18) sehen.        

Das wünsche ich Ihnen am Ende dieser Weihnachtszeit!

Ihr Heinz Schneemann

MITTWORT – 19. Januar 2022

"Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes."
Lk 13,29

Es ist Montag kurz vor 18.30 Uhr. Ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Taborkirche. Für diesen Abend haben sich „Spaziergänge“ angemeldet. Im Vorfeld ging es in den sozialen Netzwerken heiß her. Grund war, dass der Kirchenvorstand der Taborgemeinde beschlossen hat, die Räume der Kirche für ein Impfteam des DRK zu öffnen. Das sorgt bei machen für Unmut. Nach dem Aufruf zum „Spazierengehen“ meldete „Kleinzschocher wird bunt“ eine Kundgebung an. Aus einer Mischung aus Sorge und Verantwortungsgefühlt verabredeten sich Mitglieder des Kirchenvorstandes vor dem Hauptportal.

„Spaziergänger“, „bunte Kleinzschochersche“ und KV: Eine eigenartige Gemengelage.

Und dann – es ist schon dunkel – kommt eine junge Frau etwas unsicher auf den Vorplatz der Kirche. Ganz offensichtlich weiß sie nicht, zu welcher Gruppe sie gehen soll, wo sie hingehört.

Aber aus der Unsicherheit heraus ergibt sich zwischen uns ein Gespräch über ihre Sorgen und Nöte, über die Gedanken und Hintergründe des Kirchenvorstandes, über Kirche überhaupt und allgemein. Und im Austausch merke ich, dass sicher einiges ist, was uns trennt, aber auch vieles, was uns verbindet. „Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden“: Gemeinschaft trotz aller Zuordnung.

Es ist Montag kurz nach 20.00 Uhr. Ich fahre mit meinem Fahrrad wieder nach Hause. An diesem Abend habe ich Menschen kennengelernt, denen ich sonst wohl nie über den Weg gelaufen wäre.

Und ich bin dankbar über den Austausch und die Gemeinschaft. Schon komisch, wie das manchmal so geht.

Es grüßt Sie mit Gedanken zum Spruch für diese Woche

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

 

MITTWORT – 12. Januar 2022

„… das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; und lasst rühmen alle Bäume im Walde…“

Psalm 96/12

Dieser Vers kam mir in den Sinn, als ich mit einer sehr guten Freundin vor nicht allzu langer Zeit den FriedWald Planitzwald aufsuchte.

Wir sind nicht zufällig dorthin gegangen, sondern wir suchten ganz bewusst diesen so stillen Ort. Die schwere Krankheit meiner Freundin lässt solche „Ausflüge“ zu, sie bedingt sie geradezu. Unsere Gedanken sind unterschiedlich, und wir sind froh, dass wir offen miteinander reden können. Ich bewundere ihren Mut, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Sie ist froh, dass ich sie begleite, denn ihre Nächsten sind, sagen wir mal, zurückhaltend in dieser Thematik.

Fast drei Stunden sind wir bei angenehmer klarer kalter Luft, aber auch bei Sonnenschein, bis es zu dämmern anfing, durch die verschiedenen Abteilungen gelaufen. Diese waren durch verschiedene Baumarten mal dicht bewachsen, mal ließen sie viel Licht durch. Wie wird es dort im Frühjahr, im Sommer aussehen, wenn die Bäume Laub tragen? Viele Namen, teils mit Geburts- und Sterbejahren, lasen wir an den Bäumen – und erfanden Geschichten dazu. Am Andachtsplatz ließen wir uns nieder, hörten dem Gezwitscher der Vögel zu und ruhten uns aus. Ein Meditationsweg führte uns zu einer Schutzhütte. Unser gemeinsamer Tag war ein schöner, ein wunderschöner.

Immer schon, seit unserer gemeinsamen Kindheit, gehen wir gern in den Wald. Der Wald ist uns nah, was der Grund der Suche wohl auch ist. Aber wir haben auch bemerkt, dass es nicht einfach ist, sich für diesen oder einen anderen Ort zu entscheiden. Da kommen verschiedene Gedanken auf, ein Für und Wider. Eigentlich möchte man sich doch nicht entscheiden und möchte noch lange die Möglichkeit zur Entscheidung haben.

Und dann kommt mir wieder dieser Psalmvers in den Sinn. Ich weiß, dass er anders gemeint ist, aber ich lese darin Tröstliches. Da ist vom Feld und vom Wald die Rede, ein fröhliches Feld, ein Wald voll rühmender Bäume. Das heißt für mich, jede Entscheidung ist richtig, überall gehöre ich zur Natur – und Gott ist sowieso überall.

Dass ich heute vom FriedWald schreibe hängt auch damit zusammen, dass meine Freundin heute ihren Geburtstag feiern darf. Das ist ein großes Geschenk. Und dafür dürfen die Felder und Bäume jubeln und rühmen.


Foto: B. Müller

Baberina Müller

MITTWORT – 5. Januar 2022

Wie irrelevant :-)

Ich muss das neue Jahr gleich mit einem Geständnis beginnen: Ich schaue in die Fenster anderer Leute und das auch noch gerne. Wenn ich mit meinem Trödelhund die Abendrunde gehe und er an jedem Baum und jeder Ecke die neuesten Nachrichten aus dem Hunde-Piesel-Chat erschnuppern muss, geht mein Blick zu den erleuchteten Fenstern. Ich begucke mir Kronleuchter und Hochbetten, Poster und Bücherregale, Grünpflanzen und Fensterbilder. Gerne auch die Schwibbögen und leuchtenden Sterne. Man kann dabei gut über Menschen und Dinge nachdenken und deren Bedeutung zueinander.

Vor einer Woche jedoch bleib mein Blick an der hell erleuchteten Wand einer Erdgeschoss-Wohnung hängen. Dort stand in großen roten Buchstaben:

„Komm, lass uns irrelevant sein!“

Ich musste lachen, der Hund schaute mich erstaunt an. Um ihm keine Antwort schuldig zu bleiben, googelte sich sicherheitshalber nochmal die Bedeutung von „irrelevant“.
Da stand: „in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich, ohne Bedeutung“.

Ich seufzte tief und dachte: „Oh ja!  Was für ein herrlicher Vorsatz für 2022.“

Sich mal wieder klar werden, was für ein herrlich vagabundierendes Staubkorn ich Mensch bin. Durchaus ein Geschöpf Gottes, aber eben nur ein Geschöpf Gottes und nicht das Geschöpf Gottes. Ein möglichst liebevolles, nachdenkliches, tätiges Staubkorn, jedoch nicht der um mich selbst drehende, klugsch…nde, hyperaktive (Staub-)Stern, ohne den die Welt nicht funktionieren kann.

Ein möglicher Predigttext für den Neujahrstag stand im Buch der Sprüche, Kapitel 16, Verse 1-9. Ich empfehle die Lektüre. Ich empfehle vor allem den Satz:

„Einen jeglichen dünken seine Wege rein, aber der Herr prüft die Geister.“ (Spr. 16,2)

Womöglich können wir der Prüfung der uns antreibenden Geister durch den Herrn eine kleine Runde eigener Relevanzfragen voranstellen:

Worin besteht mein Antrieb, so oder so zu sein, dies oder das zu tun oder zu lassen?

Geht es um die Sache oder geht es eigentlich um mich?

Geht es um den Nächsten oder geht es eigentlich wieder nur um mich?

Wo, wann und für wen bin ich wichtig oder nehme ich wieder nur mich selber wichtig?

Natürlich - es ist von allem was dabei. Die anderen und ich, ich und die Sache, der Zeitpunkt und ich. In uns allen steckt die Sehnsucht nach Wahrgenommenwerden und Relevanz.

Umso entspannender und entlastender empfinde ich diese rote Schrift: „Komm, lass uns irrelevant sein“. Wir sind in einem bestimmten Zusammenhang unerheblich und ohne Bedeutung. Und werden dennoch wahrgenommen.

So kann ich mich am Anfang des neuen Jahres in die Sprüche Salomos fallen lassen:

„Befiehl dem Herrn deine Wege, so wird dein Vorhaben gelingen.

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Spr. 16, 3+9)

Ja, ich bin relevant für Gott, wie jedes seiner Staubkörner. Das erlaubt mir - in manch bestimmten Zusammenhang  - irrelevant zu sein. Zur Entlastung meiner Mitmenschen, zur Entlastung meiner selbst.

Ein gutes, behütetes und fröhliches neues Jahr wünscht die leicht angestaubte

Claudia Krenzlin

MITTWORT – 29. Dezember 2021

Kein Prophet, oder?

Der Weihnachtsbaum, den ich immer erst am Heiligabend in unserem Wohnzimmer aufstelle und mit Muße und Musik schmücke, - ich höre dabei die ersten Kantaten des Weihnachtsoratoriums mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas - steht noch. Wenigstens bis zum 6. Januar, dem Epiphaniastag, an dem nach der Tradition auch die weitgereisten Weisen aus dem Matthäusevangelium das Jesuskind gefunden haben. Hier mischen sich auch dunkle Töne in das Licht der neuen Hoffnung: Da ist auch Herodes, der seine Machtinteressen gefährdet sieht und dabei keine Skrupel kennt, auch über Leichen zu gehen.

Mein Gott, denke ich in unserem weihnachtsfestlich geschmückten Zuhause, ändert sich das denn nie? Mir fallen die Leute ein, die Weihnachten deswegen als unerträgliche Inszenierung eines verlogenen Friedens ablehnen. Aber wird es dadurch erträglicher? Ich sehe Verbitterung in vielen Gesichtern. Was wird daraus? Resignation? Oder Zynismus? Oder sogar neue Gewalt? Was wird zu Silvester geschehen?

Der Weihnachtsbaum leuchtet noch. Da sind die Kerzen, die Strohsterne, die silbern glänzenden Kugeln. Der denkbar größte Kontrast zu diesen dunklen Gedanken. Unerträglich? Oder gerade das spannungsreiche Kontrastprogramm, aus dem neuer Mut gewonnen werden kann?

Was wird uns das kommende Jahr bringen?
Wird es das Jahr 2022 n.Chr.?
Oder das Jahr 3 n.Cor.?
Oder beides? Aber zu welchen Anteilen und mit welchen Auswirkungen?
Ich weiß es nicht. Ich bin ja kein Prophet!

Oder doch?? Jetzt muss ich an meinen alttestamentlichen Lehrer, Prof. Siegfried Wagner, denken. Er sagte seinen Studenten: Propheten sind keine Vorhersager, Propheten sind Hervorsager! Menschen, die aus ihrer Beziehung zu Gott etwas hervorbringen, das in dunklen Zeiten wegweisend werden kann. Zumindest kenne ich solche Propheten. Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel, der die für mich tröstlichsten Worte zum Jahreswechsel geschrieben hat:

    Von guten Mächten wunderbar geborgen,
     erwarten wir getrost, was kommen mag.
     Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
     und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch immer schaue ich in die Lichter des Weihnachtsbaums. Und jetzt weiß ich auch, was ich Ihnen und mir selbst für das kommende Jahr wünsche: Vornehmlich, dass wir prophetischer leben können!
Ihr
Heinz Schneemann

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