Wort für den Tag - 11. Mai 2021

Einfach mal die Hände falten

Was einem Vogel die Flügel und einem Schiff die Segel sind, ist der Seele das Gebet.

Ein Zitat von Corrie ten Boom bringt mich auf die Spur. Welche Kraft wohnt in Gebeten?

Ich meine nicht die verordneten Gebete, die ideologisch missbraucht wurden und werden. Es geht mir nicht um die Massengebete, die Menschen in Ekstase versetzen und sie dann je nach dem Willen der religiösen oder politischen Führer in bestimmte Richtungen gelenkt werden.

Es geht mir um das Gebet ganz bei mir. Denn ich glaube, dass Gott nah bei jedem ist. Mit diesem menschenfreundlichen Gott in Beziehung zu treten, verändert Haltung zu mir selbst und zu den Menschen um mich.

Das Gebet wird eigenes Denken und Handeln für die Menschlichkeit entfalten. Dann kann es Momente geben, da bin ich ganz mit mir im Einklang und trete aus der Tür meines ICHs. Die tosende Wirklichkeit wird mich erschrecken, aber zugleich finde ich den Ort zu heilen. Vielleicht ist es nur ein Wort, das jemanden guttut. Oft weiß ich es gar nicht, was aus eigenem Handeln entsteht.

Das Leben von Corrie ten Boom bringt mich auf die Spur. In den Gebeten für das Leben ist eine Energie die verändert. Im Kreis der Familie ten Boom lebte ein Geist der Großzügigkeit, Freiheit und Lebensfreude. Jüdisches und christliches Leben gehörten in einer Selbstverständlichkeit zum Alltag in Amsterdam. Die Familie war in der Kirchgemeinde fest verankert. Das Gebet im Geist der Freiheit hinterlässt Spuren, setzt die Segel für Nächstenliebe und breitet die Flügel aus, um Schutz denen zu geben, die in Not sind. Als 1940 die Nazis die Niederlande besetzten, wurden jüdische Mitbürger verfolgt und ermordet. Als junger Frau versteckte Corrie ten Boom mit ihrer Familie Juden vor den Häschern, bis sie denunziert wurden. Was für ein Mut und was für eine Zuversicht liegen dieser Haltung zugrunde. Das Gebet war Kraftquelle für das Leben.   

Es gibt Momente, da bin ich ganz mit mir im Einklang und ich trete aus der Tür meines ICHs und bin da. Manchmal zögerlich und mit viel Willen, dann wieder ängstlich und doch mutig. Manchmal ohne Plan aber doch mit viel Elan, mitunter möchte ich mich verkriechen, suche aber die Menschen. In der Bewegung zwischen den Gegensätzen finde ich im Gebet die Balance. Ich kann zu mir ja sagen und mich annehmen, wie ich bin. Das ist harte Arbeit, aber ein Glücksmoment für die Seele.

Was einem Vogel die Flügel und einem Schiff die Segel sind, ist der Seele das Gebet.

Ihr Martin Staemmler-Michael

10.05.2021 – Vor Engeln wird gewarnt

Christen, die was auf sich halten, haben es oft nicht so mit Engeln, und besonders kritisch sind Pfarrer, ist meine Erfahrung. Ganz unverständlich ist das nicht, die biblischen Verweise auf die Engel des Herren sind oft eher vage – und umso reger blüht die Kitschindustrie jenseits von Kirche und Schrift. In Deutschland würden mehr Menschen an Engel glauben als an Gott, hat ein sehr kluger EKD-Hirte mal gesagt, und das sollte heißen: wie albern – wo doch Gott der Anfang und der Engel bestenfalls die Ableitung ist.

Vielleicht sind die Leute aber doch klüger, als es sich der kluge EKD-Denker vorstellen konnte, weil viele Menschen intuitiv spüren, dass einem Engel leichter nahe zu kommen ist als diesem Lieben Gott, der einem manchmal auch ganz schön fern vorkommen kann.

Wenn ich hier vor Engeln warnen will, dann aus einem anderen Grund – und vor anderen Engeln, als denen,  die man aufs Fensterbrett stellen kann oder in den Weihnachtsbaum hängen. So schön es ist, einem anderen Menschen zu begegnen, der ein Engel ist, so gut will überlegt sein, wie man mit der Begegnung mit dem Unwahrscheinlichen umgeht.

Ich kenne eine Frau zum Beispiel, glücklich verheiratet, zwei Kinder, und sogar in die Kirche ging sie gelegentlich, die lernte auf einer Geburtstagsfeier einen Mann kennen, der sie sehr beglückte. Nicht nur ein bissl Glück widerfuhr ihr da, wie ein Schluck Glühwein in der Adventszeit, nein dieser Mann war ihr ein wirklich tiefes Glück ihres Lebens, also durchaus auch ein wenig berauschend. Mehr wie eine halbe Flasche sehr guten Weins kam er ihr vor, und dagegen ist ja nun wirklich nichts zu sagen.

Schwieriger natürlich war für sie die Frage zu entscheiden, wie es nun weitergehen sollte, nach der ersten Euphorie, einem solchen Menschen begegnet zu sein, und dann nach einigen Monaten des besseren Kennenlernens eines Mannes, der ihr durchaus wie ein Engel auf Erden vorkam: er hatte ihr Leben durcheinander gebracht, das schon, aber eben auch in vielerlei Hinsicht in der bestmöglichen Weise. Er hatte sie neu auf alte Gewohnheiten schauen lassen, er hatte Schmerzhaftes überwinden geholfen, er hatte ungeahnte Perspektiven aufgezeigt, wie sie ihr Leben in Zukunft wohl weiterleben könnte, nicht ganz anders als vorher, gewiss, aber doch freier im Herzen und froher.

Jetzt kam der schwierigere Teil, für den Romeo und Julia keine Vorlage sein konnten und die Liebesfilme der Streamingdienste ebenso wenig wie die Lebenshilfe aus dem Internet oder klugen Ratgebern: wie verfährt man mit einem Engel, nachdem man das Glück erfahren hat, dass er das eigene Leben besucht und gehörig durcheinander gewirbelt hat, wie es der Engel Art nunmal ist?

Die Frau fand Trost bei einem Gedanken, der ihr erst gekommen war, als sie sich zugestanden hatte, den Engel auch Engel sein zu lassen. Ein Flügelwesen der Verwandlung hatte sie besucht und der war nun mal ein Sendbote der Freiheit: er brachte ihr Freiheit – und ließ sich die seine nicht nehmen.  Halb irdisch war er darum und halb himmlisch, mit einer Tendenz zur Rückkehr dorthin, von wo er gekommen war. 

Auf Erden sind Engel nur Besucher. Darum ist die Begegnung mit ihnen so grundstürzend, darum tut es so verdammt weh, sie wieder ziehen zu lassen. Was er aber verwandelt hat, der Engel auf Erden, das bleibt in uns und bei uns alle Tage. 

Patrik Schwarz

09.05.2021 – Häufig irgendwie dazwischen

Geht es Ihnen vielleicht auch so, liebe Leserin und lieber Leser?
Ich stehe und fühle mich häufig irgendwie dazwischen:
      zwischen Sorge und Vertrauen
      zwischen Lockdown und Verlockung
      zwischen Gut und Naja-nicht-so-gut
      zwischen Hoffnung und Zweifel
      zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit
      zwischen Kraft und Leere
      zwischen Ach, Gott! und Halleluja!

So ist das Leben, sagen Sie jetzt vielleicht.
Wenn Sie das jetzt so sagen – hier in meinem Text haben Sie es bereits gesagt -, dann könnte sich daraus etwa folgendes Gespräch entwickeln:

Ja, so ist das Leben. Wie hält der Mensch das nur aus?
    Was? Das Leben??

Diese ständige Spannung zwischen Sein und Sollen.
    Ach komm, es wird doch nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird!

Klingt ziemlich abgebrüht!
   Was soll denn das nun wieder heißen?

Das soll heißen, dass wir uns nur zu allzu gern mit solchen Sprüchen beruhigen!
   Und was soll daran falsch sein?

Das Abgebrühte.
   Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?

Ich will damit sagen, dass es nicht gut sein kann, wenn wir uns so schnell aus den Spannungen des Lebens herauswinden.
   Ja, haben Sie denn einen besseren Vorschlag…?

(Was kann man da sagen? Mir fällt jetzt nur eine Antwort ein:)

Beten.
   Beten?

Ja, beten!
   Wieso beten?

Weil mir beten hilft, in diesen Spannungen sensibel und offen zu bleiben, ohne daran zu zerbrechen.
   Das klingt ja ganz schön stark…

Am Sonntag Rogate geht es ums Beten. Das ist ein Thema, zu dem es heute noch sehr viel zu sagen gibt. Hier würde das wohl zu weit führen, aber wenn Sie mögen, finden Sie heute ab 11 Uhr unter www.evangelium.art.blog noch einige weiterführende Gedanken dazu.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ihr Heinz Schneemann

 

 

Wort für den Tag – 8. Mai 2021

Der 8. Mai ist ein Datum von welthistorischer Bedeutung: In vielen Ländern wird heute des Kriegsendes in Europa vor 76 Jahren gedacht. Die Deutschen haben sich nicht immer leicht getan in ihrem Umgang mit diesem Tag. In der DDR wurde er schon früh als Tag der Befreiung gefeiert, allzu oft aber auch missbraucht, um das sowjetische und das eigene Regime zu glorifizieren. In der Bundesrepublik galt der 8. Mai zunächst als Tag der Niederlage, bis sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass die Niederlage Nazi-Deutschlands eine Befreiung war, die Erinnerung verdient.

Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. Unter ausdrücklicher Würdigung der jüdischen Erinnerungskultur sagte er damals unter anderem: „Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergißt, verliert den Glauben.“

In diesem Sinne sind auch wir gut beraten, die Erinnerung wach zu halten, an diejenigen, die damals wie der Psalmbeter aus der heutigen Tageslosung riefen „Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!“ (Ps 44,28) und für die der 8. Mai ein Tag der Hoffnung und der Erlösung war und ist. Erinnern wir uns und schöpfen wir aus der Erinnerung Kraft, an den vielen die auch heute den Hilferuf des Psalmbeters auf den Lippen haben!

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

Wort für den Tag - 7. Mai 2021

Handschuhe und Sonne

Ich radle zum CT in die Uniklinik . Es ist ein noch kalter, aber sonniger Morgen. An der Ampel steht vor mir eine junge Frau. Auf ihrem Rad im Kindersitz ein kleines Mädchen. Beide diskutieren über Handschuhe oder nicht Handschuhe. Die Mutter sagt: Du bekommst ganz kalte Hände!“ Das Kind antwortet: „Aber die Sonne scheint!“
Ich muss lächeln. Zwei Wahrheiten, zwei Realitäten, zwei Wahrnehmungen - und verschiedene Auffassungen, wie damit umzugehen ist. Wundert es Sie, wenn ich Parallelen zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen und oft auch persönlichen Situation sah?

Aber auch mein eigener heutiger Weg war voll ambivalenter Gefühle. Fünf Jahre nach dem Krebs .... man sagt, wenn dann nichts nachgekommen ist, hat man gute Chancen ...

Fünf Jahre hieß es - zwischen den Zeilen - kalte Hände. Und fünf Jahre erlebte ich - es scheint die Sonne. Ich bin zutiefst dankbar für eine intensive Zeit. Für Menschen, die Handschuhe bereithielten, für Menschen, die sich mit mir an der Sonne freuten. Freunde, Familie, Ärzte, Schwestern ...

Corona hält uns nun über ein Jahr auf Trab. Und wir teilen uns immer mehr in zwei Gruppen. Die einen sagen: es ist kalt, zieh dich warm an. Die anderen: es scheint dennoch die Sonne.

Die Mutter sagte: „Ja, die Sonne scheint, aber sie wärmt noch nicht. Ich habe Handschuhe an. Deine stecke ich ein. Wenn Dir doch kalt wird …"

Können wir nicht so miteinander umgehen? Du hältst etwas anderes für wichtig als ich. Das macht nichts, solange wir einander akzeptieren... und jeder die Chance hat, eine Empfindung und Wahrnehmung nicht nur zu äußern, sondern auch zu ändern. Vielleicht zieht die Mutter ihre Handschuhe bald aus. Vielleicht will das Kind seine dann doch noch anziehen. Was wäre schlimm daran? Nichts. Schlimm wäre es, wenn jeder auf seine Wahrheit - kalt oder sonnig - besteht, wo es doch offensichtlich kein entweder/oder gibt, sondern ein und.

Ich liebe das Kind für sein Vertrauen in die wärmende Sonne.

Ich mag die Mutter für Ihre Fürsorge.

Ich liebe Gott, dass er mir beides schenkt.

Täglich neu! Nicht erst seit fünf Jahren, sondern seit 53.

Nach der Untersuchung radle ich fröhlich und ohne Handschuhe nach Hause - die Sonne scheint ja. Ich habe noch keine Ergebnis vom CT, aber - was für ein schöner Tag!

Corona ist noch lange nicht vom Tisch - aber was für ein Leben !

Claudia Krenzlin

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