Wort für den Tag - 27. August 2021

Dreiklang zum Dranbleiben

Das 20. Jahrhundert war unter anderem geprägt vom zunehmend partnerschaftlichen Austausch zwischen den christlichen Kirchen der Welt im Rahmen des ökumenischen Dialogs. Eine der wesentlichen Fragen, welche die Vertreterinnen und Vertreter beschäftigten, war die, wie die verschiedenen Christinnen und Christen gemeinsam ihrer Verantwortung für diese Welt wahrnehmen können. Die Diskussionen mündeten in den vielzitierten Dreiklang: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Schaue ich auf diese Themen, sehe ich vor allem viele Baustellen: Wie wenig friedlich sind die Bilder, die uns aus Afghanistan, Syrien und von anderen Orten erreichen. Wie ungerecht ist es, wenn auch und gerade in Zeiten der Coronakrise, in denen so viel von Solidarität gesprochen wird, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Wieviel Schöpfung wird zerstört, wenn unsere Lebensweise zu Artensterben, Waldbränden und Umweltkatastrophen führt. Man möchte fast verzweifeln.

Und doch liegt in den Zielen der ökumenischen Bewegung eine große Kraft, nicht zuletzt deshalb, weil sie von der großen Gemeinschaft der Christinen und Christen geteilt werden und aus dem Glauben an den liebenden Gott, der die Welt in seinen Händen hält, heraus entstanden sind. Es bleibt also lohnend und aussichtsreich sich einzusetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – auch demnächst in der Wahlkabine.

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

 

Wort für den Tag - 26. August 2021

Fundament

Ganz mit dem Einen sein

UND

ganz mit dem Anderen –

das klingt wie eine Überforderung

für einen Menschen allein.

Ganz mit dem Einen sein

– einem Gegenüber; 

einer Eigenschaft in mir; 

einer Energie in der Welt –

und ganz mit dem Anderen sein,

– der Gegenkraft, vermeintlich unverträglich –

das ist ohne Zweifel eine Kunst.

Und doch,

wann immer sie gelingt, 

dann spannt ein Bogen sich

so weit wie das Leben selbst:

und auf einmal erschüttert mich nicht mal das Leben mehr.

Patrik Schwarz

 

Wort für den Tag - 25. August 2021

Ebenbildlichkeit

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und Frau. (1. Mose 1,27)

Im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau; denn wie die Frau von dem Mann, so ist auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott. (1. Korinther 11,11-12)

Es ist ja mit Debatten um Geschlechtergerechtigkeit so eine Sache. Sie werden häufig mit solcher Vehemenz geführt, dass ein auch nur teilweiser Konsens in weiter Ferne zu stehen scheint. Und das obwohl bestimmte Aspekte unter dem Begriff „Geschlechtergerechtigkeit“ so klar erscheinen, z.B. das Problem des sog. Pay-Gap, also Gehaltslücken zwischen Männern und Frauen im selben Beruf. Vermutlich ist es die Debatte um geschlechtergerechte Sprache, die die generelle Frage der Geschlechtergerechtigkeit so überschattet, was wohl wiederum daran liegen mag, dass ein staatlich-regulativer oder auch nur diskursiver Eingriff in die eigene Art zu sprechen als maximal übergriffig angesehen wird. Und wenn die Frage der geschlechtlichen Identität ebenfalls unter diesem Begriff diskutiert wird, scheinen sich manche TeilnehmerInnen der Debatte überfordert zu fühlen.

Losung und Lehrvers für den heutigen Tag stellen für mich die Frage nach einem christlichen Standpunkt in der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit. Manche Positionen aus christlichen Gemeinschaften gehen von einer klaren schöpferischen Ordnung des Menschengeschlechts und einer deutlichen Vorstellung von und Unterscheidung zwischen Männern und Frauen aus. Sie finden dabei in der Bibel einige textliche Grundlagen und verweisen auch gerne auf die Schöpfungsberichte. Auch der Lehrvers greift diese in seinem „alles [ist] von Gott“ auf. Danach sei es völlig offensichtlich, was Mann und was Frau, was männlich und was weiblich sei. Die Trennung beider entspreche göttlichem Schöpfungswillen ebenso wie etwaige Zuweisung von Rollen oder gar Hierarchien, wie sie sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch niederschlagen.

Mir erscheint diese Position zweifelhaft. Die Beschreibung der Schaffung des Menschen als Ebenbild Gottes, das Sein des Menschengeschlechts "von Gott" fordert zu allererst auf, in den Erscheinungsformen der Menschen Gott zu suchen und zu erkennen. Es ist also weniger ein normierender als eher ein deskriptiver Inhalt. Nicht das, was wir meinen vorzufinden soll auch so sein, sondern das was wir vorfinden, das offenbart uns etwas über Gott. Die Schöpfungsberichte erscheinen danach eher ungeeignet, eine Haltung zu stützen, mit der geschlechtsbezogene Unterscheidungen ohne sachliche Gründe aufrechterhalten werden. Denn was sagt es über die eigene Vorstellung von Gott aus, wenn Gott nur in einer starren, binären Geschlechtsordnung gefunden werden kann?

Selbst wenn mensch ganz unkreativ von einer klaren binären Schöpfung der Menschheit ausgehen möchte, so folgt daraus doch nichts an Rollenzuweisungen oder Unterordnungen, wie wir sie immer noch vielfach vorfinden. Die Bibel enthält ebenso wie das bekannte paulinische “das Weib schweige in der Gemeinde” offenbar auch das “so ist der Mann durch die Frau”. Wo ist da Raum für ein eindeutiges Gebot zur sprachlichen oder sonstigen Zuweisung von Geschlechterrollen und Positionen?

Wenn unser christlicher Standpunkt solche Blüten im Umgang mit Gottes Ebenbildern trägt, dann haben wir bei unserer Betrachtung dieser Ebenbilder wohl noch einige Fassetten Gottes übersehen.

Ulrich v. Ulmenstein

 

Wort für den Tag - 24. August 2021

"Ein Clown tanzt seinen Glauben"

Es war einmal ein Clown, der tanzend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in ein Kloster ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalm zu singen.
So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit dem Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein konnte nichts. “Was tu ich hier?” sprach er zu sich selbst, “ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz.”

In seinem Kummer flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. “Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche, so will ich doch tun, was ich kann.” Er zog seine Mönchskutte aus und stand da in seinem bunten Gewand, in dem er als Clown umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen: Vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Und wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen.

Ein Mönch aber war ihm gefolgt, hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen.
Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen bestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Abt, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen.”
Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: “In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über unsere Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie sendet.”
(nach einer französischen Legende)

Und womit kann ich GOTT loben?

Liebe Grüße und einen tanzenden Tag

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

Wort für den Tag - 23. August 2021

Zauberworte 

„In der berühmten, sprichwörtlich gewordenen Formel Sesam öffne dich! (vgl. arab. iftah ya simsim) aus Ali Baba und die 40 Räuber ist wirklich die Sesampflanze gemeint, auch wenn sie wenig mit dem Fels gemein zu haben scheint, der sich da öffnet. Diese im arabisch–asiatischen Raum zur Speiseölgewinnung und als Gewürz verwendete Pflanze teilt mit dem Felsentor eine wichtige Eigenschaft: die Fruchtkapsel des Sesams öffnet sich, sobald sie reif ist, und lässt die Samen (übertragen: den Schatz) herausfallen. Und so öffnet sich auch das Felsentor, hinter dem die Räuber ihre Schätze versteckt haben, wie eine reife Frucht, als der kluge Ali Baba die richtige Formel nennt.“
(Zitiert aus https://www.wissen.de/wortherkunft/sesam

So einfach war das mit der Mauer nicht, die vor genau 60 Jahren in Berlin gebaut wurde und über 28 Jahre unüberwindlich erschien. Sesam öffne dich? Zauberworte finden sich oft in Märchen, aber in der sogenannten Wirklichkeit scheinen sie leider wirkungslos zu sein.
Oder ist das zu einseitig gedacht?
Ist es nicht doch so, dass das rechte Wort zur rechten Zeit neue Wirklichkeiten schaffen kann,
die zuvor für zu schön, um wahr zu sein gehalten wurden? 1989 hieß dieses Wort Wir sind das Volk! Es konnte wirken, weil es die Menschen - im doppelten Sinne - bewegt hat. Da bewegte sich dann auch die Mauer.

Im Evangelium des gestrigen Sonntags aus Markus 7,31-37 begegnet uns auch so ein besonderes Wort. Hefata! sagt Jesus zu dem Taubstummen. Tu dich auf! oder Öffne dich! Vom Wortstamm her ist das mit dem arabischen  iftah ya simsim von Ali Baba identisch. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Jesus es zu einem Menschen sagt und damit die Wirklichkeit dieses Menschen entscheidend verändert.

Wann haben Sie persönlich zum letzten Mal so ein Zauberwort gehört und was ist dabei geschehen?

Heinz Schneemann

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